Wie falsche Atmung Schmerz bedingt

Wann immer Claudia auf der Arbeit unter Druck gerät, wandern ihre Schultern aufwärts und nähern sich der Decke an. Dasselbe passiert Zuhause, wenn ihr Ehemann wieder mal einen Streit vom Zaun bricht. Sie kennt es kaum, dass ihre Schultern dort sind, wo sie eigentlich hingehören. Entspannt hängend. Einer der zwei entscheidenden Gründe für diesen Effekt liegt in der Atmung, genauer im Unterschied zwischen Bauch- und Brustatmung. Zum Verständnis muss man wissen, wieso es zwei Wege gibt, zu atmen.

Der anatomische Unterschied

Die Bauchatmung nennt sich Bauchatmung, da sich der Bauch währenddessen anhebt, also etwas größer wird. Bei der Brustatmung hingegen verändert sich der Bauch nicht, stattdessen hebt sich der Brustkorb an. Der Unterschied liegt in der genutzten Muskulatur.

Unter den Lungen liegt ein großer flacher Muskel (Zwerchfell), der wie eine trennende Wand die Organe des Brustraumes (Lungen, Herz) von den restlichen Organen im Bauchraum separiert, also in zwei Räume unterteilt. Da dieses Zwerchfell ein Muskel ist, können wir es bewusst steuern. Mit der Anspannung wandert diese liegende Wand wenige Zentimeter im Bauch abwärts, wodurch die Lungen „aufgezogen“ werden. Der dabei entstehende Unterdruck zieht die Luft hinein.

Bei der Brustatmung spannt sich die Muskulatur des Brustkorbes an, die man beim Schwein als „Rippchen“ bezeichnen würde. Zwischen jeder unserer 24 Rippen liegt Muskulatur, welche bei ihrer Benutzung den Brustkorb aufspannt wie ein Zelt. Dadurch entsteht ebenfalls ein Unterdruck, welcher Luft hineinzieht. Bei diesem Vorgang hilft die Halsmuskulatur, indem sie die obersten Rippen an sich heranzieht damit der Brustkorb besser aufgerichtet und vergrößert werden kann.

Der evolutionäre Unterschied

Beide Atemvarianten erfüllen spezielle situationsabhängige Aufgaben. Stellen Sie sich die Steinzeit vor. Sie stehen als Urmensch einem Säbelzahntiger gegenüber. Sie sehen sich gezwungen eine Kampf- oder Fluchtreaktion zu nutzen um Ihr Überleben und das Ihrer Familie zu sichern. In beiden Fällen müssen Sie körperliche Höchstleistungen erbringen mit entsprechendem Sauerstoffbedarf. Körperliche Höchstleistungen bringen Sie in Bewegung, das heißt: Sie rennen. Beim Rennen nutzen Sie den Großteil Ihrer Muskulatur und sind dabei natürlich auch auf Ihre Bauchmuskulatur angewiesen. Wenn sich die Bauchmuskulatur anspannt, kann Ihr Bauch sich jedoch nicht ausreichend ausdehnen, was eine Voraussetzung für die Bauchatmung ist. Daher muss Ihr Körper in die Brustatmung ausweichen um den Sauerstoffbedarf in diesem Moment zu decken. Brustatmung erfüllt evolutionär stets den Zweck den erhöhten Sauerstoffbedarf im Leistungsfall zu decken, was in der Urzeit des Menschen vor allem bei Gefahr geschieht. Gefahr bedeutet hierbei Lebensgefahr. Die Brustatmung ist daher neurologisch mit dem emotionalen Zustand der Angst assoziiert, in dem wir uns befinden. Unter Stress beginnt der Körper mit der Brustatmung. Sind wir entspannt, überwiegt wieder die Bauchatmung. Normalerweise jedenfalls …

Das Problem: moderne Stressoren dauern üblicherweise nicht einige Minuten, Stunden oder ein paar Tage an. Moderne Stressoren dauern lange. Wochen, Monate und Jahre vergehen oft, bis ein Stress sich legt, wenn überhaupt. Auf eine solche Stressdauer ist der Körper nicht ausgelegt. Die Brustatmung dient ursprünglich als kurzfristige Ergänzung bei erhöhtem Sauerstoffbedarf, nicht als dauerhafter Ersatz für die Bauchatmung. Doch genau dies geschieht. Chronischer Stress gewichtet die Brustatmung höher. Dies ist anatomisch in dem Maße jedoch nicht vorgesehen. Die ständige Nutzung der Zwischenrippenmuskulatur fördert im Laufe von Jahren und Jahrzehnten eine zunehmende Dauerspannung, welche zu einem festen Brustkorb führt. Die ständige Nutzung der Halsmuskulatur führt zum gleichen Effekt am Hals. Und da kommen wir zur Ausgangssituation. Die hochgezogenen Schultern. Die Brustatmung fällt uns leichter, wenn wir die Schultern anheben. Die angezogenen Schultern sind daher in vielen Fällen Folge einer verstärkten Brustatmung durch emotionale Anspannung.

Es kann also folgendermaßen zusammengefasst werden: Ihr Körper ist evolutionär nicht für chronischen Stress ausgelegt, stattdessen vor allem für kurze, heftige Stressoren wie die Flucht vor dem Säbelzahntiger. In diesen Situationen bedarf es einer Kampf- und Fluchtreakton mit hohem Sauerstoffbedarf. Aufgrund der Notwendigkeit der Bauchmuskulatur für maximale körperliche Leistung weicht die Atmung in die Brust aus da die Bauchatmung wegen der angespannten Bauchmuskulatur nicht gut funktioniert. Da der Stress, in dem Sie sich befinden, jedoch nicht nach wenigen Minuten vorbei ist, sondern Wochen und Jahre anhält, neigt ihr Körper weiterhin dazu, in die Brust zu atmen, in der Erwartung, die Flucht vorm Säbelzahntiger stünde kurz bevor.

So führt Stress zur einem veränderten Atmungsverhalten mit chronischem Spannungsaufbau vor allem an Brustkorb und Hals. Die Schultern wandern immer höher um die überwiegende Brustatmung zu erleichtern. Die nun gebildete chronische Spannung bietet dabei eine fruchtbare Grundlage, auf welcher Schmerzsyndrome wie Nacken-, Kopf- oder Schulterschmerzen entstehen können.

Eine erste Maßnahme

Testen Sie sich selbst: Legen Sie sich auf den Rücken und legen Sie Ihre Hände auf Ihren Bauchnabel. Stellen Sie sich vor, dass Ihre Hände einen Fahrstuhl repräsentieren, den Sie versuchen während der Einatmung Richtung Zimmerdecke zu heben. Wenn Sie in den Bauch einatmen, wird Ihr Bauch größer. Der Grund liegt, wie eingangs beschrieben, an der Bewegung des Zwerchfells Richtung Füße. Dabei werden die Bauchorgane etwas verschoben, welche dann nach vorne rutschen und die Bauchdecke dadurch anheben. Je höher der Fahrstuhl Richtung Zimmerdecke wandert, desto intensiver ist die Bauchatmung. Ziel ist es also, eine möglichst intensive Bauchatmung zu forcieren damit man lernt, bewusst das Zwerchfell zu nutzen. Dies lässt sich zu Anfang leicht im Liegen für ca. 15 Minuten machen. Regelmäßig wiederholt führt diese simple Übung zu einem Lerneffekt, der es einem langfristig zunehmend leicht macht, bewusst auch unter Stress in den Bauch zu atmen. Wenn die Bauchatmung bei Stress bewusst genutzt wird, hat dies einen beruhigenden Effekt. Falls Ihr Fahrstuhl einfach nicht Richtung Zimmerdecke wandern will und sich stattdessen nur Ihr Brustkorb anhebt: vermutlich hat sich Ihr Körper bereits seit Jahrzehnten durch anhaltende chronische emotionale Anspannung so sehr an die Brustatmung gewöhnt, dass Sie die gezielte Bauchatmung verlernt haben. Keine Sorge, das lässt sich korrigieren.

Bauchatmung bei Schmerzsyndromen

Die Atmung hat einen oftmals wesentlichen Einfluss auf die Entstehung und der Erhaltung chronischer Spannung, welche zu Schmerzen führt. Daher nimmt eine bewusste Korrektur der Atmung einen gewissen Teil in der Therapie solcher Schmerzsyndrome ein. Neben der Atmung gibt es weitere Ursachen für Schmerzen, welche individuell sehr verschieden sind. Bei Fragen zur Bauchatmung oder wie eine weitergehende Therapie aussehen könnte, kontaktieren Sie mich über das Kontaktformular.

„Die alltägliche Praxis zeigt immer wieder, welche übergeordnete Bedeutung die Atmung hat. Vor allem bei Schmerzsyndromen in der oberen Körperhälfte erweist sich die Atmung oft als entscheidender ursächlicher Faktor für Kopf- und Nackenschmerzen sowie Schmerzen im Bereich des Brustkorbes oder auch bei der Atmung“



Warum wir Schmerzen haben

Neueste Erkenntnisse in der Grundlagenforschung geben Hinweise auf die Wirkung von Bewegung und Stress auf unseren Körper und damit Schmerz. Schmerz ist in den meisten Fällen ausgelöst durch Muskel- und Bindegewebsspannung. Der Schmerz entspricht dabei häufig nur der Spitze des Eisberges. Der größte Teil des Eisberges liegt unter Wasser und entspricht einer ausgedehnten Spannungsregion, welche sich durch den Körper zieht. Diese Spannung ist dabei nichts Krankhaftes. Es handelt sich dabei um eine natürliche Anpassungsreaktion bzw. einen Schutzreflex des Körpers, um auf diverse Stressoren (körperlich, psychisch) zu reagieren. Jeder Mensch hat diese Spannung, welche sich jeden Tag überall im Körper bildet und zurückbildet – je nachdem, wie viel Spannungssignale (Stress, wenig Bewegung) und wie viele Entspannungssignale (Stressverminderung, Bewegung, Dehnung) der Körper erhält. Wenn  Stress, Bewegungsmangel, Dehnungsmangel oder Überbeanspruchung bestimmter Muskeln überwiegen, werden wir fester. Festigkeit bzw. Spannung ist die Grundlage für Schmerzsyndrome wie Rücken- und Nackenschmerz oder Fuß- und Kopfschmerzen. Bei mehreren Schmerzpunkten handelt es sich meist nur um mehrere Eisbergspitzen desselben Eisberges – eine große Spannungsregion im Körper. Daraus leitet sich auch die Notwendigkeit zur Ganzkörperbehandlung ab. Die Wirbelsäule spielt dabei häufig eine übergeordnete Rolle. Beispielsweise sind Beschwerden im Arm meist durch Spannungsregionen verursacht, welche im Bereich der Brust- und Halswirbelsäule sowie Rippen liegen. Diese Spannung nennen wir Erstarrungsreflex, da es sich um evolutionär uralte Nervenzellen (WDR-Neurone) handelt, welche im Rückenmark liegen und bei genannten Stressoren als Reflex Spannung in ihrem Versorgungsgebiet erzeugen. Wir können dies also nicht bewusst kontrollieren. Man könnte sich an dieser Stelle fragen, wieso der Körper Spannung erzeugt, wenn man dadurch Beschwerden erleiden muss. Dieser scheinbare Widerspruch ist bei genauerem Hinsehen gar keiner.

Ökonomisierung

Der Körper reguliert den Energiebedarf der Muskulatur unter anderem durch Muskelspannung. Ein Muskel, der chronisch fest ist, benötigt weniger Energie. Diesen Effekt können Sie bei sich selbst beobachten, wenn sie morgens fester sind und sich strecken wollen. Die Spannung hat sich in der Nacht durch Nicht-Bewegung erhöht. Um wieder aktiv zu werden, strecken wir uns. Tiere machen es oft ebenso nach dem Schlafen. Vielleicht haben Sie Beschwerden, die morgens/nachts oder nach langem Sitzen schlimmer werden. Dies tritt häufig bei Beschwerden aufgrund von Spannung auf. Wenn Sie einen eingegipsten Arm haben und diesen Arm später aus dem Gips befreien, werden Sie merken: Er ist fest und unbeweglicher. Dem Körper wird signalisiert: „Die Beweglichkeit dieses Armes benötige ich offensichtlich nicht mehr, da er nicht bewegt wird“. Der Körper fängt also an, den Arm, welcher nun eine energetische Belastung zu sein scheint, fester zu machen um Energie zu sparen.

Der Körper des Menschen hat sich in einer entbehrungsreichen Natur entwickelt, in der nur der am besten Angepasste überlebt. Was nicht benutzt wird, wird langsam abgebaut. Je länger der Arm nicht bewegt wird, desto fester wird die Muskulatur. Langfristig wird dann die Muskelspannung durch Bindegewebsspannung ergänzt, wodurch der Körper die Möglichkeit bekommt, die Muskulatur des Armes abzubauen, denn „kein Muskel“ benötigt noch weniger Energie als ein chronisch fester Muskel.

Belastungsanpassung

Auch muskuläre, monotone Überlastung (z.B. überdurchschnittliche lange/stark angespannte Nackenmuskulatur bei Schreibtischtätigkeit) vor allem in monotoner Körperhaltung signalisiert dem Körper, dass ebendiese muskuläre Anspannung notwendig ist, da sie jeden Tag abgefordert wird: Der Körper merkt es sich, diese Muskeln so anzuspannen, wie es bei der Arbeit der Fall ist. Daher neigt man verstärkt dazu mit dieser Muskulatur Spannung zu erzeugen (auch außerhalb der Arbeitssituation).

Die Bedeutung der Psyche

Stress, Spannung, Nicht-Bewegung und Schmerz vermitteln eine diffuse Gefährdung des Körpers. Der Körper kann Gefahr nicht interpretieren, reagiert also pauschal mit Spannung und erhöhter Schmerzempfindlichkeit – einerseits, um sich über die festere Muskulatur auf einen möglichen Energiemangel (welcher in der Natur wahrscheinlich wäre) vorzubereiten und andererseits, um die Kontraktionsbereitschaft der Muskulatur für den Fall von Gefahr zu erhöhen. Erhöhte Schmerzempfindlichkeit ist ein guter Schutzmechanismus, um den Körper vor vermeidbarer Verletzung zu schützen.

Beispiel
Ein Mensch mit angespannten beruflichen und privaten Verhältnissen, Schreibtischtätigkeit und ängstlicher Persönlichkeitsstruktur wird auf einen weiteren Stressor mit mehr Muskelspannung reagieren als es jemand mit ausgeglichenem Alltag und viel Bewegung täte. Nicht nur aktueller Stress sondern ebenso biographischer Stress hat seine Einflüsse. Besonders das Kindesalter kann dabei die Körperreaktion, die man als Erwachsener zeigt, prägen (Trennung / Streit der Eltern, Tod von Angehörigen, ängstliche Persönlichkeitskonditionierung durch überängstliches Elternteil). Die möglichen Stressoren sind dabei natürlich unendlich vielfältig. Man bedenke, so manch „unproblematische Aussage“ kann ein Kind stark negativ prägen.

Ergo

Wenn wir unsere Muskeln nicht ausreichend benutzen, werden sie fester und der Mensch wird unbeweglicher. Ein entscheidender Grund, warum man mit zunehmendem Alter unbeweglicher wird. Wer sich die Vielfalt der körperlichen Betätigung seiner Kindestage beibehält wird sein Leben lang beweglich bleiben. Der Berufsalltag in einem modernen Industriestaat fordert jedoch oft wenig Bewegung ab. Wir sind am Ende des Arbeitstages erschöpft, ohne viel Bewegung gehabt zu haben. Dieser Zustand des „Zu-wenig-Bewegens-im-Alltag“ hält in aller Regel das ganze Leben lang an. Der Körper hat somit viele Dekaden Zeit sich immer fester zu machen. Es gilt also, diese Bewegung im sonstigen Alltag zu imitieren – je früher, desto besser. Jedoch ist es nie zu spät.

Was wir tun können

Die therapeutische Herangehensweise bei Schmerzsyndromen im Alltag dreht sich also um Spannungsreduktion. Spannungsreduktion heißt lockere Bewegung, Stressverminderung und Dehnung. So erzeugen WDR-Neurone weniger Spannung. Mögliche Strategien, dies zu ermöglichen, sind:

  1. Bei sehr vielen Patienten ist Stress eine entscheidende Ursache von zu starker Muskelspannung und damit Schmerz. Oft heißt es, die Beschwerden würden im Urlaub besser werden. Es gilt aufmerksam zu sein, was es im Lebensalltag – ob beruflich oder privat – sein könnte, das Stress erzeugt. Genauso wichtig ist: Was bereitet Freude? Was kann ich für meine Entspannung tun? Kann ich nach der Arbeit abschalten oder trage ich die Sorgen und Gedanken der Arbeit nach Feierabend mit nach Hause? Gibt es familiäre Dissonanzen? Das ist ein vielfältiges und höchst individuelles Thema.
  2. Vermeiden Sie Stühle so oft es geht. Das Sitzen auf Stühlen und auf der Couch ist sehr bequem. Hier lässt es sich stundenlang aushalten. Das Problem ist dabei jedoch genau das: Der Körper bewegt sich in dieser Zeit kaum und wird nicht gedehnt. Besser ist es stattdessen, sich häufiger auf den Boden zu setzen. Wenn ich Fernsehen auf dem Teppich schaue, sitze ich stets in einer Position (z.B. Schneidersitz), in welcher so manche Muskelpartie gedehnt wird (merke: Dehnung erzeugt Spannungsreduktion). Da es nach kurzer Zeit unbequem wird, muss ich die Position wechseln. Ich nehme demnach eine andere Sitzposition ein, in der andere Muskeln gedehnt werden. Sobald sich meine Füße also auf Höhe des Beckens befinden, zwinge ich meinen Körper in eine gedehnte Position. Wenn man auf die geliebte Couch nicht verzichten möchte, kann man den Bodensitz auch imitieren indem man die Füße mit auf die Couch hochnimmt.
  3. Praktizieren Sie Yoga, gehen Sie spazieren und treiben Sie Sport. Yoga ist im Speziellen genannt, da die große Vielfalt verschiedenster, dehnender Körperübungen in entspannter Umgebung praktisch alle Muskeln im Körper abdeckt. Jede Woche wird der ganze Körper einmal komplett durchgedehnt. Generell kann man häufiger spazieren gehen oder sich einen Sport aussuchen, der Spaß macht. Jede Bewegung ist wertvoll. Je vielfältiger und abwechslungsreicher er ist, desto besser.

Mehr oder minder geeignete Bewegungsformen sind:

  1. Besonders
    empfehlenswert ist die Kombination aus Dehnung,
    Bewegung, Vielfalt und auch Entspannung
    wie Yoga, Pilates, die tiefe Hocke
    und der Bodensitz.
  2. Klettern/Bouldern,
    Spielsportarten oder Tanzen sind ebenfalls vielfältig
    mit Bewegung und Dehnung
    , jedoch in der Dehnungsvielfalt nicht so umfangreich
    wie Yoga.
  3. Ausdauersportarten
    sind gut, da bewegend, jedoch
    weniger optimal als oben Genanntes, da sie in den Bewegungsabläufen relativ
    monoton sind und ohne vielfältiger Dehnung auskommen.
  4. Kraftsportarten
    wie der Gang ins Fitnessstudio – insbesondere, wenn es nicht wirklich Spaß macht
    – sind ebenfalls gut, da bewegend,
    jedoch ohne Dehnung, mit wenig Vielfalt und mit dem Risiko der
    Spannungserhöhung. Sie sind daher für viele Patienten nicht zu empfehlen.

Auch wenn manche Bewegungsformen effektiver sind als andere – fast alle sind gut, auch die letztgenannten. Jede Bewegung signalisiert den entsprechenden Muskeln, dass sie noch gebraucht werden. Das hält uns locker. Zu guter Letzt gilt es zu verstehen, dass der Erstarrungsreflex es im Grunde gut mit einem meint. Schmerz ist Folge von Spannung; und die Spannung kann man als Warnung verstehen, auf mehr Bewegung und weniger Stress zu achten. Daher gilt also: Spaß und Bewegung – der Körper ist unser Freund.

Kaiserschnittnarbe schmerzt – was tun?

„Ich fühle mich wie zweigeteilt“ – nicht selten fühlt sich eine Frau noch viele Monate nach einem Kaiserschnitt „irgendwie anders“. Grund für dieses veränderte Körpergefühl ist häufig eine Veränderung in der Muskel- und Faszienspannung im Bereich um die Kaiserschnittnarbe. Diese Reaktion verwundert kaum, denn es handelt sich schließlich um eine große Operation. In diesem Beitrag verraten wir Ihnen, wann eine Kaiserschnittnarbe behandelt werden sollte und wann nicht.

Der Körper möchte Verletzungen vermeiden

Für den Körper spielt es keine Rolle, ob er auf dem Operationstisch oder im Straßenverkehr verletzt wird. Verletzung ist Verletzung. So reagiert das Muskel- und Fasziengewebe auch bei einer kontrollierten Operation mit dem üblichen Spannungsaufbau. So kann es zu einer schmerzenden Kaiserschnittnarbe kommen. Ziel ist einerseits die mechanische Verstärkung des Areals und andererseits eine Sensibilisierung. Je sensibler das Gewebe, desto bereitwilliger vermeidet man eine erneute Verletzung. Aus der Perspektive des Körpers ein intelligentes Schutzsystem. Das unterbewusste Vermeidungsverhalten führt zu dem Automatismus, das verletzte Gewebe vor mechanischen Einflüssen der Umwelt schützen zu wollen. Ohne es zu wissen, beugt sich die Betroffene leicht nach vorne um ihren Bauch herum und zieht ihn ein.

Ob sich Spannungen bilden, ist in jedem individuellen Fall unterschiedlichen. Von komplett unauffälligen Befunden bis hin zu großflächig schmerzhaften und auffällig verspannten Bauch-, Becken- und Rückenarealen finden sich alle Fälle in meiner Praxis. Schmerzende Kaiserschnittnarben sind keine Seltenheit.

Vermeintlich schützende Spannung

Der Grund für ein verändertes Körpergefühl liegt in den Sinneszellen, welche in Muskulatur und Haut versteckt liegen. Diese geben der Frau ein Körpergefühl über Zustand und Lage der Gewebe. Verändert sich der Spannungszustand, verändern sich in der Folge auch die Nervenimpulse, welche aus dem betroffenen Gewebe „ins Bewusstsein“ wandern.

Schmerzen an der Kaiserschnittnarbe entstehen, wenn der Körper sich mit Gewebespannung zu schützen versucht.

Spannungen sollten behandelt werden da die Schutzreaktion der Verspannung in diesem Fall nicht notwendig ist. Der Grund ist einfach: es war eine gewollte Verletzung. Es war eine gezielte Operation. Jedoch weiß der Körper nicht um diesen Umstand. Er reagiert, als ob es sich um einen gegebenenfalls lebensbedrohlichen Unfall gehandelt hätte. Wenn die Spannung in dem Areal sich nicht wieder löst, besteht fortan ein ungewollter Mitspieler im Gleichgewicht der statischen Kräfte im Körper. Becken und Rücken sind nun beeinflusst von verfestigten Strukturen, welche bis dahin elastisch waren. Diese Einflussnahme auf die Statik ist nicht selten Ursache von Beschwerden – seien es Rücken- oder Bauchschmerzen, Hüftschmerzen oder solche in den Beinen.

Testen Sie sich auf eine schmerzende Kaiserschnittnarbe

Wenn Sie eine verheilte Kaiserschnittnarbe haben, drücken Sie entlang der Narben und in der näheren Umgebung ruhig einige Zentimeter in den Bauch. Tasten Sie an vielen Stellen in die Tiefe. Wenn Sie weder schmerzhafte Stellen, noch feste „Muskelgnubbel“ fühlen, dann wurden Sie womöglich von einem unerwünschten Spannungsaufbau verschont. Fühlen Sie hingegen Schmerzen beim Drücken, dann haben Sie einen starken Hinweis auf sensibilisierte Schmerzrezeptoren, welche in verspannter Muskulatur und Fasziengewebe zu finden sind. Es handelt sich dabei um nichts Dramatisches – es ist wie ein verspannter Nacken … bloß im Bauch. Solche Spannungen gilt es manuell (mit den Händen) zu behandeln bevor sie Beschwerden in umliegenden Körperarealen auslösen können. Grundsätzlich gilt: je früher, desto besser. Jedoch ist es nie zu spät. Auch mehrere Jahre alte Spannungen oder solche, welche bereits umfangreiche Folgebeschwerden ausgelöst haben, sind behandelbar. In diesem Fall kann es jedoch sein, dass die Behandlung etwas länger dauert als bei einer frisch verheilten Kasierschnittnarbe.

Was passiert bei einer Behandlung?

Im Grunde ist es unspektakulär. Mit speziellen Druck-, Dehn- und Entspannungstechniken werden mithilfe der Hände des geschulten Therapeuten die Spannungen entfernt. Man kann es sich ein bisschen wie eine Art gezielter Massage vorstellen. Nicht jeder Therapeut verfügt über entsprechende zielführende Behandlungstechniken.

Macht es immer Sinn, eine Kaiserschnittnarbe zu behandeln?

Nur wenn relevante Spannungen zu finden sind. Ohne Spannungen gibt es auch keinen Grund zu behandeln, da es salopp gesagt „nichts zu tun gibt“. Ob zu behandelnde Spannungen vorliegen, lässt sich im Laufe einer Sitzung in meiner Praxis gut einschätzen. In vielen Fällen reicht eine einzige Behandlung aus um alle behandlungsbedürftigen Spannungen zu entfernen.

„Kaiserschnittnarben können problematisch werden, müssen es aber nicht. Je früher man eine Narbe auf relevante Spannungen überprüfen kann, desto weniger Aufwand ist es, diese zu behandeln. Zu spät ist es jedoch zum Glück nie. Lassen Sie sich von ihrer Frauenärztin abklären und eine Verordnung für Osteopathie mitgeben damit Ihre Krankenkasse sich daran beteiligt.“