Den Kopf entlasten

Es ist die vermutlich größte universelle psychosoziologische Last des Normbürgers: zu viele Gedanken. Noch nicht klar, was ich meine? Ich beginne anders – mit einer Anekdote über Steve Jobs, bekannt für Apple und seinen schwarzen Rollkragenpulli. Er wurde einst gefragt, wieso es immer zu nur den gleichen Rollkragenpulli trüge, worauf er antwortet: „ich muss jeden Tag so viele Entscheidungen treffen, so will ich nicht noch morgens entscheiden, was ich anziehen muss“.

Unser Verstand hat begrenzte Kapazitäten. Eine begrenzte Anzahl an Gedanken und Entscheidungen, die umsetzbar sind. Werden die Kapazitäten überschritten, entsteht eine Überforderung und damit Stress. Hier beginnt nun eine Problematik des modernen Lebens. Es ist extrem komplex und erzwingt eine potenziell unendliche Notwendigkeit für Gedanken. Kurzum: unser Hirn ist nicht in der Lage, die Komplexität eines modernen Lebens ohne Überforderung zu verarbeiten, denn: es ist nur für ein sehr einfaches Leben in der Natur geschaffen worden.

Prioritäten im Kopf bestimmen die Last

Ich bestimme über meine Prioritäten die Auslastung meines Verstandes. Wenn jedes Detail von mir mit einer Bedeutung versehen wird, komme ich aus der Arbeit nicht raus. Wenn mich kleinste Staubpartikel und Krümel stören, könnte ich in Vollzeit Haus und Grundstück putzen. Wenn ich gar keinen Anspruch habe, hätte ich gar keine Arbeit. An irgendeinem Punkt entscheide ich mich also für eine gewisse Menge an Arbeit, für die ich eine gewisse Menge Gegenwert bekomme. Die wenigsten entscheiden diesen Punkt jedoch bewusst. Hier gilt es anzusetzen und sich ernst zu fragen: Was brauche ich wirklich? Ich habe ein begrenztes Kontingent an Entscheidungen. Welche sind mir wichtig?

Ein Beispiel, um es mathematisch auf ein einfaches alltägliches Beispiel runter zu brechen zur Frage, wie genau ich es mit dem Geschirr auf der Spülmaschine nehme:

  1. Position A) Ich will die perfekte Ordnung und räume jedes Geschirrteil einzeln ein, sobald es anfällt. Um ein einziges Geschirrteil einzuräumen, durchläuft mein Gehirn in etwa folgende Gedanken: „das stört mich, das muss weg“ –> „das räume ich nun rein“ –> „ich muss die Tür aufmachen“ –> „ich muss die Besteckschublade aufmachen“ –> „wo ist Platz dafür?“ –> „da lege ich es rein“ –> „Besteckschublade zu“ –> „Tür zu“. Das macht 8 Gedanken für ein Besteckteil.
  2. Position B) Ich nehme eine vorübergehende Unordnung in Kauf: „ich sammle eine Zeitlang Geschirr auf der Spülmaschine“ –> „so jetzt sind es 20 Teile geworden, jetzt wird es Zeit“ –> „Tür auf“ –> „Geschirrfach auf“ –> „wo ist Platz?“ –> „da lege ich es rein“ (legt 8 Teile rein) –> „ich mache anderes Geschirrfach auf“ –> „wo ist Platz?“ –> „da lege ich es rein“ (legt 6 Teile rein) –> „ich mache Besteckschublade auf“ –> „wo ist Platz?“ –> „da lege ich es rein“ (legt 6 Teile rein) –> „Besteckschublade zu“ –> „Tür zu“. Das macht 13 Gedanken für 20 Teile.

Sicherlich ist es eine Verknappung eines komplexeren Problems. Worauf ich aufmerksam machen möchte: so sehr beide Positionen ihre Berechtigung haben, so entscheide ich ständig in meinem Leben, ob ich 100% Perfektion für 100% Mühe will oder mich mit 80% Perfektion für 20% Mühe zufrieden gebe. Am Ende des Tages sind meine Kapazitäten und meine Zeit begrenzt. Wenn ich mich zu oft für den maximalen Anspruch entscheide, wird mein inneres Selbstverständnis und Selbstwert mit dem Ergebnis zufrieden sein, aber ich werde mit hoher Wahrscheinlichkeit meine Grenzen überschreiten. Folge ist Stress. Und Stress ist das wohl potenteste Gift unserer Gesellschaft. Perfektion ist nie erreicht, ich muss mich stets entscheiden, ab welchem Punkt ich mich zufrieden gebe. Also wieso senke ich nicht meinen Anspruch und begrenze ihn auf das, was mir wirklich wichtig ist?